Pfarrer von Ars – Spiegel der Geduld Gottes

Eine Stunde Geduld ist mehr wert als mehrere Tage Fasten
17.02.2024 Heinrich Maria Burkard

Der Heilige Pfr. von Ars hat mit der Geduld gerungen, er war vom Naturell aus überhaupt kein geduldiger Mensch.

Ein paar Hintergründe zu dem Wort Geduld: Das lateinische Verb patior heißt ertragen, erdulden, aushalten und zulassen, hinnehmen. Patientia, da kommt unser Wort Patient her, erleiden, erdulden, Genügsamkeit, Nachgiebigkeit. Passio = Leiden, Leidenschaft. Geduld, dulden = tragen und erdulden, fähig und bereit zu sein, einstecken zu können. Geduld und Zorn sind im Seelenkampf Gegenstreiter. Wer lieben will, es geht zentral immer um die Liebe, braucht Leidensfähigkeit. Die Fähigkeit einstecken zu können um der Liebe willen, um das geht es eigentlich.

Wenn man die Geschichte von Jean Marie anschaut, ist er in einer sehr verwirrenden Zeit aufgewachsen. In seiner Kindheit, während der französischen Revolution wurden Tausende hingerichtet. In der Nähe der Stadt Lyon, wo man fast täglich das Trommeln zu den Enthauptungen durch die Guillotine gehört hat. Vor allem war in der Familie schlimm, dass die Kirche verfolgt wurde, dass die Geistlichen massivst verfolgt wurden. Seine Eltern haben immer wieder solche Menschen, Flüchtlinge aus den Orden, auch Priester aufgenommen. Sie haben sich das mit einer Nachbarfamilie aufgeteilt, das hat natürlich den Kleinen geprägt. Er selbst war lebendig, er hat schon relativ früh angefangen zu beten. Er erfährt, dass keine Priester da sind. Er fragt: Wann werden wir wieder einen Priester in Dardilly haben? Mit 14 sagt er: Alles will ich tun - mit dem lieben Gott! Er hat sich sehr nach der Beichte und Kommunion gesehnt.

Dann kommen noch die Geduldsprüfungen auf dem Weg zur Berufung. Mit 17 finden in Dardilly wieder regelmäßig Hl. Messen statt. So oft er kann, geht er in die Kirche, er will Priester werden, aber wie? Sein Vater lehnt zuerst ab. Er war darüber sehr traurig! Allerdings Abbé Charles Balley in Écully ist bereit, ihm Unterricht zu geben. Er kann dort bei Verwandten wohnen. Jean Marie verbringt die Morgen- und Abendstunden im Pfarrhaus von Ecully. Die Schwierigkeiten beginnen bald. Der junge Vianney ist zwar intelligent, ein kluger Kopf, ein ungewöhnlich intuitiver Geist, höchster religiöser Meditation zugewandt mit einer unerschöpflichen, ja glühender Phantasie begabt. Sein ungestümes Naturell beherrscht er dank seiner außerordentlichen Willenskraft (Michel de St. Pierre). Er kann kaum die französische Grammatik und ist mit Latein überfordert. Als ihm der 12jährige Mathias Loras eine Ohrfeige gibt, weil Jean Marie viel zu langsam ist, kniet er vor dem Jungen nieder und bittet ihn um Verzeihung. Er hat Mühe gehabt, es gab in den Kriegszeiten keinen Schulunterricht. Er merkte, die Kleinen müssen es mir beibringen, ich kapiere es nicht. Er erduldete Abwertungen, Demütigungen, wurde nicht erkannt. Das hat ihn später hochsensibel gemacht für die vielen Menschen, die nach außen hin auch abgewertet waren. Es ging ihm immer ums Herz, nicht um den Status und schon gar nicht um die, die gut reden können. Er hat oft Beichtkindern den Platz gemacht, die ganz schlicht und einfach waren.

Einer der wichtigsten Punkte für mich ist, der Pfarrer von Ars hat immer gewusst, es nutzt alles nichts, was ich mir ausdenke, was ich mir berechne, es läuft immer anders. Verlasse ich mich auf meine eigenen Vorstellungen, werde ich immer vergrämter und mache Gott immer mehr Vorwürfe. Es bleibt nichts so, wie ich es mir ausgedacht habe, wie mein Weg aussieht. Je mehr ich mich darauf verlasse, dass ER sorgt, desto freier werde ich innerlich und kann hören, was ER will. Das ist Gehorsam, diese Fähigkeit: ich höre, was du willst und vertraue dir in allen Dingen. Deshalb war die Vorsehung Gottes, der weiter sieht als er selbst, für ihn die entscheidende Liebeskraft und Inspiration. Ich merke das bei mir selber, wenn ich in schwierigen Situationen, wenn ich krank bin, wenn die Dinge und Konflikte nicht zu lösen sind, wenn ich da nicht wegkomme von meinen Vorstellungen, wenn ich da nicht sage: Herr, ich weiß nicht, wie es geht, aber du weißt es, du machst keine Fehler, du weißt, wie es geht, ich vertraue dir, zeig mir wenigstens den nächsten Schritt! Wir können auf die Vorsehung Gottes vertrauen, das ist die Geduld Gottes mit uns.

Im Februar 1818 kommt er nach Ars, ein Dorf mit 230 Seelen, verlassen und heruntergekommen. Wie soll es hier überhaupt gehen? Hier spürt man seine inneren Kämpfe, Geduld mit den Gläubigen seiner Pfarrei zu haben. Einige Zitate:

Aber seht, der Glaube fehlt, wir sind arme Blinde…..!
Ich habe hier nichts zu tun, ich habe Angst mich hier in Verdammnis zu stürzen…..
Mein Gott, was für eine harte Zeit mit den Sündern! Wann werde ich endlich mit heiligen zusammen sein?

Er war ja sensibel und hat den ganzen Schmutz gesehen. Es gab viel liederliches Leben, Alkoholismus, Aggressivität und eine Verrohung der Gesellschaft, die Folgen der Französischen Revolution waren.

Ein Beispiel seiner Sanftmut: Als Frauen vor dem Beichtstuhl so laut tratschen, dass er den Beichtenden nicht versteht, geht er durch die lärmende Menge und kniet sich nieder vor dem Altar der Hl. Philomena, um sie zu bitten, dass der Lärm aufhöre.
Vermutlich schlief er grade mal drei Stunden im Bett. Wenn er wach war, betrachtete er Heiligenbilder und unterhielt sich mit ihnen. Woher aber nahm der Pfr. von Ars bei allen Strapazen (Husten-Attacken, Kopfschmerzen etc…) die innere Kraft und Sammlung – bei der immer größer werdenden Belastung und Belästigung durch die Gläubigen? Sein Gebet war tatsächlich sein großer Seelentrost und seine immerwährende Zuflucht:

Das Gebet ist ein duftender Tau – je mehr man betet, umso größer wird das Verlangen nach dem Gebet...und Zeit existiert nicht mehr, während des Gebetes!

Es gibt auch geistliche Prüfungen, die waren für ihn schlimmer. Am 19.09.1846 erschien die Gottesmutter zwei Kindern in La Salette und hat zur Umkehr aufgerufen. Er war nicht sicher, hat acht Jahre an der Echtheit gezweifelt und bat dann Maria um ein Zeichen. Er hatte Schulden und brauchte 1200 Franken. Abends fand er 600 Franken am Kaminsims und morgens nochmal 600 Franken auf dem Tisch. Ein Domherr aus Lyon schildert: er war erleichtert, als ob man ihm einen Sack von Blei von den Schultern genommen hätte. Er sagte: Während meines Zweifels war ich wie ein Mensch gewesen, der sich in der Wüste inmitten einer schrecklichen Staub- und Regenwolke befindet!

Bei den Zeugenaussagen wird deutlich, wie sehr er gerungen hat. Die Gräfin des Garets gab zwei Aussagen von ihm zu Protokoll:
Oft scheint es mir, als ob ich Fieber hätte: das Blut brodelt in meinen Adern, und ich habe Mühe, mich zusammenzureißen.
Eine Stunde Geduld zählt mehr, als viele Tage fasten!

Vor lauter unterdrückter Wut – bekommt er – als er sich auf sein Zimmer zurückzieht einen roten Ausschlag am ganzen Körper!

Bruder Athanasius, mit dem er auch sehr eng zusammen war, sagte über ihn:
Wenn die Tugend nicht so sehr die Oberhand über ihn hätte, wäre er leicht jähzornig gewesen.
Wenn man ihn empfindlich kränkte, drehte er mit einer gewissen Heftigkeit sein Taschentuch zusammen, das er gewöhnlich in der Hand hielt!
Man sah ihn umringt einer großen Menge zudringlicher Menschen genauso ruhig, genauso gesammelt wie in der Einsamkeit.

Catherine Lassagne:
Obwohl von Natur aus lebhaften Temperaments, hatte er es so weit gebracht, auch bei den größten Zudringlichkeiten – zum Erstaunen der anderen – geduldig zu bleiben.
Herr Vianney antwortete immer sanft, auch wenn seine Glieder vor Aufregung wie im Fieber zitterten!

Spannend fand ich die Aussagen, die er gemacht hat, über das, mit dem er selber zu ringen hatte, über den Jähzorn. Der Zorn ist in der Theologie eine Hauptsünde, aber nicht jeder Zorn ist eine Sünde:
Es gibt daher einen gerechten und vernünftigen Zorn, den wir eher Eifer als Zorn nennen können. Das muss der Zorn eines Pfarrers sein, dem das Heil seiner Gemeindemitglieder und die Ehre seines Gottes am Herzen liegen. Wenn ein Pfarrer schweigt, wenn er sieht, wie Gott empört ist und Seelen in die Irre gehen, wehe ihm!

Das schlimme Laster des Jähzorns frisst unsere Energie:
Aber wenn wir ein wenig über alles nachdenken, was in der Welt geschieht, wenn wir all diesen Krach hören, sehen wir diese Meinungsverschiedenheiten, die zwischen Nachbarn, Brüdern und Schwestern herrschen. Wir erkennen nur eine feurige, ungerechte, bösartige und unvernünftige Leidenschaft, deren schädliche Auswirkungen aufzuzeigen sind, um sich ihren ganzen Horror bewusst zu machen, den sie verdient. Hören Sie, was der Heilige Geist uns sagt: Indem der Mensch zornig wird, verliert er nicht nur seine Seele und seinen Gott, sondern verkürzt auch seine Tage.

Wenn es so viele Häuser gibt, die unglücklich sind und die wirklich ein Zufluchtsort für Dämonen und ein Abbild der Hölle sind, dann werden Sie die Erklärung in den Lästerungen und Flüchen ihrer Vorfahren finden, die von Ihrem Großvater auf Ihren Vater und von Ihrem Vater übergegangen sind an Ihre Kinder usw. Sie haben gehört, wie ein wütender Vater Schimpfwörter, Verwünschungen und Flüche von sich gab; Also! Hören Sie Ihren Kindern zu, wenn sie wütend sind: die gleichen Flüche, die gleichen Verwünschungen und so weiter. So gehen Laster der Eltern auf ihre Kinder über wie Ihr Besitz und noch besser.

Wir dürfen anderen niemals die Gelegenheit geben, uns zu verfluchen!

Protokoll Elisabeth Johann 28.02.2024

°[aus: Reul Dr. Hanns-Albert; Goldene Worte des hl. Pfarrers von Ars, Marianische Priesterbewegung, Tengen 19933, S. 7]