Pfarrer von Ars – Spiegel der DEMUT Gottes

Pfr. Walter Böhmer, Kaufbeuren 16.02.2024

Ein Heiliger wurde einmal gefragt, welche die erste unter den Tugenden sei. Er antwortete: „Die Demut.“ – „Und die zweite?“ – „Die Demut.“ „Und welche die dritte?“ – Und er antwortete wieder: „Die Demut.“
[aus: Janine Frossard (Hrsg.) Ausgewählte Gedanken des heiligen Pfarrers von Ars, S. 88]

Der Pfr. von Ars hat die Demut nicht erworben, er hat mitgewirkt, er hat sie letztendlich geschenkt bekommen. Jeder von uns, der sich auf den Weg macht, kann sie nicht erwirken, er kann sie nur erbitten, er kann sich nur bereit machen.

Die Demut ist in der Theologie eine sehr wichtige Tugend, aber sie ist in der Zeit der Aufklärung in Misskredit geraten, wo man die Demut als Duckmäusertum, angesehen hat, als nicht lebenstüchtig, dass man die Hilfe Gottes braucht, dass man nicht selber auf eigenen Füßen steht, das Leben nicht selber in die Hand nimmt. Trotzdem wenn wir die Definition im Mittelhochdeutschen nehmen, da steht nämlich, es kommt von dionon = dienen und muoti = Mut, also eigentlich = Gesinnung oder Haltung des Dienens. So wie Jesus gesagt hat: Ich bin wie einer unter euch, der dient. Dieses Dienen, den Menschen dienen, Gott dienen, ohne groß auf die eigenen Verletzungen zu schauen, wäre das Ideale. Bedenke, dein Leben ist begrenzt, bedenke, was dir alles wichtig ist, welche Stimmen du in dieser Welt hörst, welche Ziele dir wichtig sind, denen du nachjagst. Da ist der Aschermittwoch ein wichtiger Einstieg, der uns wieder deutlich macht, dass wir alle letztendlich vom Leib hier auf der Erde bleiben, die Seele vor Gott hintritt und wo dann die Reinigung beginnt.

Ein paar Aussagen aus der Hl. Schrift:
Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens (Eph. 4,2).
Dass ihr nichts aus Streitsucht und Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst (Phil. 2,3).
Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für klug! Röm (12,16).
Unser Modell ist Christus, er war der demütigste Mensch: Ich kann nichts von mir aus tun, wie ich höre, so richte ich, mein Gericht ist gerecht, denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat (Joh. 6,38). Jesus beugt sich ständig unter den Willen des Vaters. Der Wille des Vaters ist ihm A und O seines Lebens. Er sagt sogar: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden (Joh. 4,34). Er ist nicht der große Macher in der Welt, sondern er wird immer sagen, meine Stunde ist noch nicht gekommen (Joh. 2,4). Er wartet darauf, dass der Vater das Startzeichen gibt und er weiß nicht einmal, wann der Jüngste Tag ist. Er lebt ganz aus dem Vater, eine unglaubliche Demut, die nichts von sich aus macht, die nichts von sich aus will. Er sagt: Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht (Mt 11,29). Das heißt, das auf uns nehmen, was Gott für uns vorgesehen hat. Nicht nur das Schöne, nicht nur das Angenehme, auch das Schwere. Wir werden dadurch innerlich reifer und innerlich schöner. Es ist wichtig, dass uns das bewusst ist. Das Joch auf uns zu nehmen, aus liebendem Herzen, aus Liebe zu ihm. Weil du das alles für uns getan hast, gebe ich etwas aus Liebe zu dir zurück. Tu das Gute, der Vater im Himmel sieht es!

Über den Pfr. v. Ars wird gesagt, er habe vor allem vier Tugenden heroisch geübt: die Demut, die Liebe zur Armut und zu den Menschen, die Geduld und die Abtötung.
Die Demut ist die Königin, die Basistugend, ohne sie ist alles leer. Die Demut ist wie eine Tugend im Vergleich zu einer Kette des Rosenkranzes. Werfe die Kette weg und alle Rosenkranzperlen lösen sich voneinander. Werfe die Demut weg und alle Tugenden verschwinden (Pfr. von Ars). Er hat gewusst, welch großen Nutzen die Demut mit sich bringt, sie bewahrt uns vor vielen Sünden, besonders der Hauptsünde, der Ursünde, dem Stolz. Wenn wir Verdemütigungen annehmen ohne zurückzuschlagen, schützen wir uns vor dem Teufel und bringen die Gnaden Gottes in Sicherheit. Die Sicherheit liegt darin, dass ich meinen Lebensweg gehen kann, weil ich weiß, ich brauche Gott, wie ein Kind die Hand der Mutter braucht. Wenn wir in Sünde fallen, ist immer ein Stück Stolz, ein Stück Eigensinn dabei.
Der hl. Franziskus hat sich immer als den kleinen Bruder Franz bezeichnet. Je höher er von Gott erhoben worden ist in La Verna, wo er die Wundmale bekommen hat, desto mehr wurde er von den Leuten verehrt. Bei aller Auszeichnung hat er gewusst, ich brauche Gott, um nicht zu sündigen. Jeder Mensch, der sich überhebt, da kommt sofort der Widersacher, um in unsere Seele einzudringen. Gott ist der, der anklopft, der sagt: ich steh an der Tür und klopfe an, wer mir auftut, bei dem werde ich einkehren. Der Widersacher drängt überall rein, wenn er eine Lücke, eine Ritze im Haus sieht. Er wartet nicht, dass wir ihm aufmachen

Raymond, ein Geistlicher, der dem Pfr. von Ars beigesellt wurde, der Augenzeuge seines Lebens war, ein strenger Beobachter, hat sich vor diesem Wunder der Demut beugen müssen. Er gestand: was mich beim Pfr. von Ars am meisten getroffen hat, ist die Tatsache, dass er auf so wunderbare Weise der Berauschung dieser unaufhörlichen Verehrung widerstand. Er wusste ja, sah nur zu klar, dass man ihn in Ars aufsuchen wollte, wegen ihm kommt. Dennoch habe ich nie das Gefühl des Stolzes in seinem Herzen, nie ein Wort des Stolzes auf seinen Lippen erhaschen können. Allein wegen der Tugend der Demut wäre er würdig, zu den Ehren der Altäre erhoben zu werden. Die Demut kam ihm wie ein wahres Wunder vor, inmitten des gewaltigen Andrangs, der für den guten Pfarrer eine ununterbrochene Versuchung sein müsste.

Es ist unangenehm, wenn andere uns erniedrigen, wenn andere uns bloßstellen. Der Pfr. v. Ars hat die Aussage gemacht, dass er die Menschen, die ihn kritisieren mehr schätzt als die, die ihn loben. Er hat die Personen, die ihn gedemütigt haben besonders geliebt. Vielleicht so wie die alten Wüstenväter, die gesagt haben, das sind die Werkzeuge, die uns auf unsere eigenen Fehler und Schwächen hinweisen. Es gibt noch die Eiterbeulen in meinem Inneren, was mich im Grunde aufregt, was mich stört. Daher bezeichneten die alten Wüstenväter die Leute, die sie immer kritisiert haben, als ihre großen Ärzte der Seele. Für sie müssen wir danken, für sie müssen wir beten. Gegner werden zu Werkzeugen, zu unangenehmen Werkzeugen, die Gott aber auch verwendet.

Man hat den Pfr. v. Ars 18 Monate lang beschuldigt, Vater eines unehelichen Kindes zu sein. Abend für Abend sind die Burschen gekommen und haben ihn der schmutzigsten Dinge bezichtigt. Er hat das hingenommen und dazu geschwiegen. Bis dann eines Tages die Wahrheit aufgekommen ist und das Mädchen, von der Gnade Gottes angerührt, die Wahrheit nicht mehr verheimlichen wollte. Gott lässt diese Demütigungen zu und will, dass sie angenommen werden. Der Pfr. v. Ars hat sie angenommen.

Der Pfr. v Ars sagt einmal: Meine Freunde! Hätte Gott einen unwissenderen Priester ausfindig machen können, einen unwürdigeren als mich, hätte er ihn an meinen Platz gestellt. Alles was Gutes durch mich geschieht, wirkt Gott, das wirke nicht ich! Er ist der Einfache, der Kleine, der Demütige. Alles soll Gott groß machen! Die Demut des Hl. Pfarrers war eine echte Demut! Er wollte nicht als Heiliger verehrt werden. Er hat bewusst versucht, sich lächerlich zu machen. Er hat sich lustig gemacht über die Andenken. Das Andenkenwesen war ihm zutiefst zuwider. Da sind die Kaufleute gekommen und haben gesagt, wir und unsere Familien leben doch davon, es sind unsere Einkünfte. Da hat er es dann zugelassen, dann soll es geschehen! Einmal sagte er: man hat von mir ein neues Portrait hergestellt, diesmal bin ich es leibhaftig! Ich schaue dumm drein, dumm wie eine Gans!

Er ist 59 Jahre alt, da kam in die Nachbarpfarrei ein neuer Pfarrer. Er kommt zum Hl. Pfarrer, um ihm die Aufwartung zu machen. Der Hl. Pfr. v. Ars nimmt ihn freudig auf und sagt: lieber Mitbruder, ihr Vorgänger war immer mein Beichtvater. Er rückte einen Stuhl zurecht und beichtete. Hier war er bereit, das sofort zu tun. Der andere ist aus allen Wolken gefallen, er, dieser junge soll dem Pfr. v. Ars die Beichte abnehmen! Auch das ist ein Zeichen großer Demut. Ein anderer würde sagen, ich muss den Neuen erst einmal ein wenig testen, seine Anschauung, seine Theologie prüfen.

Er ließ sich die Haare in der Sakristei schneiden, wusste genau, was sie damit machen wollten. Damit es ja keine „Reliquien“ gibt, hat er nachher fein säuberlich die Haar zusammengekehrt und verbrannt. Ganz ist ihm dies jedoch nicht gelungen.

Die vollkommenste Demut, die wir haben können, wäre natürlich, wenn wir aufhören würden, den Grund verstehen zu wollen, was Gott mit uns vorhat. Einfach diesem Gott radikal vertrauen. Das wäre sozusagen der Höhepunkt der Demut. Wie oft fragen wir: warum ist das so, wieso? Auch Fromme, die sind besonders gefährdet, da kommt eine Krankheit, irgendwas durchkreuzt unser Leben, wie oft muss ich dann hören: jetzt habe ich immer gebetet, warum straft Gott mich so? Da stehe ich dann manchmal auch ratlos da und denke mir: habt ihr so wenig Vertrauen, so wenig Glauben, so wenig Hingabe, so wenig Liebe? Ist Gott nicht für euch der Vater, der im Grunde sogar jeden Tag Rechnung führt über jedes Haar auf eurem Kopf?

Dann gibt es auch eine falsche Demut, eine Schwäche der Guten. Es gehört zu einer echten Demut dazu, dass ich immer wieder das Große zulasse, was Gott tut. Der Pfr.. v. Ars hat das auch immer wieder zugelassen. Er hat nur darauf geschaut, dass es nicht auf ihn zurückfällt. So hat er mit der hl. Philomena einen Vertrag geschlossen, bitte keine Wunder mehr. Das Wunder erst zuhause. Er verpflichtete die Leute immer, erst eine Novene zu beten. Es sollte kein Aufsehen mehr geben hier in Ars. Nur noch Wunder der Bekehrung!

Falsche Demut wäre auch, wenn ich die Größe Gottes nicht zeigen würde. Wenn ich nicht Zeugnis gebe, dass Gott Außergewöhnliches getan hat. Außergewöhnliches muss nicht immer was Großes sein, sondern wo ich spüre und sagen kann, Gott hat mir durch eine schwere Situation durchgeholfen. Die Muttergottes hat auch gesagt: Großes hat der Herr an mir getan. Sie lobt und preist den Herrn. Sie ist die Demütigste aller, die nichts für sich wollte, sondern alles für ihren Sohn. Sie war für den Pfr. v. Ars der Spiegel echter Demut.
Protokoll Elisabeth Johann