„Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist. Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“ Joh 3,13f
„Wenn ich einen Gott betrachte, sagt uns der heilige Augustinus, der seit der Menschwerdung bis zum Kreuz nur ein Leben der Demütigungen und der Schande geführt hat, ein Gott auf der Erde verkannt, wie sollte ich mich vor Verdemütigungen fürchten? Ein Gott sucht die Verdemütigungen und ich, Erdenwurm, ich möchte mich erhöhen? Mein Gott, Gnade, zerstöre diesen Stolz, der uns so sehr von dir entfernt.“°
Pfr. von Ars
Heute ist wahrhaft ein großes Fest, das Fest unserer Erlösung, die der Herr uns am Kreuz geschenkt hat. Wir können nur erahnen, was dieses Heilswirken Jesu für uns bedeutet. Ohne Seinen Kreuzestod hätten wir niemals einen Zugang zum Vater im Himmel, wären ewig getrennt von Gott. In allen Konsequenzen können wir uns das nicht vorstellen. Hier auf der Erde können wir uns noch mit so vielen Dingen beschäftigen, die uns den Blick auf die Ewigkeit verstellen, so dass ein Leben ohne Gott auch lebenswert zu sein scheint. Aber auch wenn der Blick auf den Tod verdrängt wird, bleibt eine tiefe Sehnsucht, die durch nichts auf der Erde gestillt werden kann, doch irgendwann in der Tiefe spürbar.
Wir können es nicht verstehen, warum der Weg der Erlösung den Tod des Gottessohnes am Kreuz erforderte. Vielleicht kommt uns manchmal der Gedanke, dass ein Wort des Vaters doch auch genügt hätte. Das mag vielleicht sein. Aber niemals hätten wir dann die Tiefe der Liebe Gottes und das Drama Seines Ringens um den Menschen je erfahren oder auch nur über erahnen können.
Schauen wir auf das Paradies. Adam und Eva erheben sich über Gott. Sie meinen es besser zu verstehen, was für sie gut ist, und setzen sich über Gottes Wort des Lebens hinweg.
Seither erheben auch wir uns immer wieder über das Wort des Herrn und gehen nicht auf seinen Wegen. Und selbst wenn wir uns bemühen, ganz auf sein Wort zu hören und es zu leben, so gelingt es uns nicht. Schmerzlich erfahren wir immer wieder so unsere gefallene Natur.
Der Herr ist die Wahrheit, und zwar nicht nur in Seinem Wort, sondern in Seinem Leben. So steigt Er in den Abgrund unseres Seins hinab, in die Tiefe unseres Hochmutes und Stolzes. Von dort holt er uns herauf in Sein göttliches Leben von Empfangen und Hingabe. Er empfängt im Heiligen Geist alles vom Vater und gibt im Heiligen Geist alles dem Vater hin. Im Blick auf das Kreuz erahnen wir etwas von diesem Drama unserer Erlösung.
Getrennt haben wir uns allein von Gott. So möchte der Herr unsere Mitwirkung zurück zu einem Leben mit und durch Gott – durch Teilnahme an Seiner Erniedrigung am Kreuz. So können wir erahnen, warum der Pfarrer von Ars auch für Erniedrigungen dankbar war, sie geradezu gesucht hat. Er hat nicht das Leiden geliebt, aber die Gemeinschaft mit Gott, die er auf diesem Weg für sich und andere errungen hat.
Haben wir keine Angst! Gehen wir mit dem Pfarrer von Ars den Weg der Erniedrigung des Herrn, wann immer es uns zugedacht ist. Die Gnade des Herrn ist uns dabei gewiss.
15.08.2024 ih
° Aus: Monseigneur Convert, ma retraite avec le saint curé d’ars, Nachdruck 1998 S.236, übersetzt ih