„Euch, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ Lk 6,27f
„Um ein Heiliger zu sein, muss man ein Narr werden, den Verstand verloren haben.“ ° Pfr. von Ars
Wenn wir die Worte Jesu zum ersten Mal hören würden, wären wir da nicht geradezu entsetzt. Das kann doch wirklich nicht sein! Wie kann man seine Feinde lieben? Die Zuhörer Jesu litten sehr unter der Unterdrückung durch die Römer. Und diese Feinde sollten sie lieben?
Aber Jesus zeigt schon jetzt, dass es möglich ist. Nach den Lehrreden heilt Jesus den Diener des römischen Hauptmanns von Kafarnaum (Lk 71ff). Nun könnte man einwenden, dass dieser Hauptmann sehr viel für das jüdische Volk getan hat und darum auch die jüdischen Ältesten für ihn Fürbitte einlegen. Der große Glaube des römischen Hauptmannes aber ist eine Frucht der Liebe Jesu auch zu ihm. Und genau in diese Barmherzigkeit des Vaters möchte der Herr uns hineinführen (Lk 6, 36). Jesus möchte den Menschen die Gottebenbildlichkeit, die seit dem Sündenfall im Paradies entstellt ist, wieder zurückschenken.
Menschlich ist dieses Ziel unerreichbar und geradezu schwindelerregend.
„Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten“ (Joh 15,7). Das verheißt Jesus in seinen Abschiedsreden vor Seinem Tod. Wenn der Herr allein der Weg ist in die göttliche Liebe, so bedeutet das auch, dass Er selbst Gott ist. Er lehrt uns begreifen, wie göttliches Leben anfangweise schon auf dieser Welt in Erscheinung treten kann. Nicht durch menschliche Anstrengung, sondern durch eine untrennbare Verbindung mit Jesus allein. Er ist die Liebe in uns.
Der Pfarrer von Ars ist den Weg der Heiligkeit gegangen durch menschlich fast unüberwindliche Schwierigkeiten hindurch. Und aus menschlicher Sicht hat auch er festgestellt, dass man dazu geradezu den Verstand verloren haben muss. Er wusste um jede menschliche Begrenzung, insbesondere auch um seine eigene Armut und konnte nur im Herrn heilig werden.
Gelitten hat er 18 Monate lang unter den unsagbaren Anschuldigungen Abend für Abend unter seinen Fenstern, als ob er ein ausschweifendes Leben führte. Keine Verdemütigung blieb ihm erspart. Die Anschuldigungen konnten ausgeräumt werden, aber am Ende seines Lebens bekannte er: „Hätte ich bei meiner Ankunft in Ars vorausgewusst, was ich leiden musste, ich wäre sicher auf der Stelle gestorben.°²
Auch unter Anschuldigungen seiner Mitbrüder hatte er zu leiden, besonders aber unter Abbey Raymond, den der Bischof ihm zur Hilfe gegeben hatte, der ihn aber acht Jahre lang in unglaublicher Weise erniedrigte, bloßstellte und kränkte. Vianney schwieg und schien ihn sogar zu lieben, was die Menschen fassungslos machte. Raymond erkannte erst spät sein bösartiges Verhalten, war erfüllt mit Gewissensbissen und Liebe für seinen unglücklichen Pfarrer °³
Der Heilige Pfarrer zeigt uns, dass im Herrn wir in die Liebe Gottes hineinwachsen können, sodass wir verwandelt werden und durch Seine Liebe in uns auch unsere Mitmenschen. Vianney wird uns zur Seite stehen, dass wir uns auf diesem Weg nicht entmutigen lassen, sondern immer wieder neu uns in die Arme des Herrn werfen, so wie er es getan hat.
21.01.2025 ih
° Aus: Alfred Monnin, Leben des im Jahre 1859 im Rufe der Heiligkeit verstorbenen Pfarrers von Ars, Joh. Bapt. Maria Vianney, 1863, 2. Bd. S. 169
°²Trochu, Der Pfarrer von Ars, 2001, S. 151f
°³Maxence van der Meersch, das Leben des heiligen Pfarrers von Ars, 1959, 281