4. Sonntag im Jahreskreis 1.02.2026 Lesejahr A

„Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Mt 5,1-3

„Wenn man nur so wenig Theologie im Kopf hat, sollte man keinen Beichtstuhl betreten.“ °
Pfr. Borjon von Ambérieux-en-Dombes

 

Gewaltig und bedeutungsvoll beginnt die Einleitung zu den Seligpreisungen bei Matthäus. Sie offenbart die absolute Lehrautorität des Herrn, der sich gleichsam auf den Berg als seinen Lehrstuhl setzt. Seine Worte sind in dreifacher Form gekennzeichnet: Öffnung des Mundes, Lehren und Sprechen. Seligkeit und Freude verkündet der Herr denen, die Ihm folgen. Es wird so oft übersehen, dass der Herr wahrhaft eine frohe Botschaft hat, und zwar für alle. Leider wird die christliche Lehre viel zu häufig nur unter dem Aspekt der Verbote und Gebote wahrgenommen, die uns die Freude nehmen.
Der Herr aber kennt das menschliche Herz in seiner ganzen Armut. So gilt denn auch die erste Seligpreisung denen, die arm sind vor Gott. Dies wird viel zu schnell auf die materielle Armut bezogen, sodass die tiefere Armut des Menschen übersehen wird.
Arm vor Gott sein heißt, immer mehr erkennen, dass ich absolut und immer auf Gottes Gnade und Hilfe in allem angewiesen bin. Auch wenn wir von Gott im Gebet alles erwarten möchten, so hinkt das Leben meist doch weit hinterher. In uns allen steckt der Keim der Ursünde von Adam und Eva, dass ich das, was ich haben möchte, mir doch selber verschaffen will, und dabei auch überzeugt bin, dass ich es auch kann. Auf einem geistlichen Weg wird uns dagegen immer mehr gezeigt, dass wir es eben nicht können, aber nicht um uns mutlos zu machen, sondern um uns immer mehr absolut auf den Herrn zu verweisen.
Der Pfarrer von Ars ist uns gerade in der Armut vor Gott ein großer Lehrmeister. Der oben zitierte Satz wurde von einem jungen Mitbruder in einem bösen und ungerechten Brief an unseren Heiligen Pfarrer geschrieben. Nur acht Kilometer von Ars ist Ambérieux, der Wirkungsort dieses Pfarrers Borjon, entfernt. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass viele aus seiner Pfarrei nach Ars pilgerten und dort auch noch eine Messe feiern ließen, um seine Ersetzung durch den Pfarrer von Ars zu erbitten. Übereifrige Fromme machen eben auch den Priestern das Leben manchmal sehr schwer. Es wäre zu einfach, sich nur über Pfarrer Borjon zu entrüsten.
Vianney war durch diesen bitterbösen Brief bis ins Innerste getroffen und sprach darüber mit dem ihm befreundeten früheren Bürgermeister Vater Mandy. Die Mitteilung des eigenen Kummers an einen Freund war bei ihm die absolute Ausnahme. Er gestand, dass dieser Brief von einem Amtsbruder geschrieben war. „Aber es würde mir weiter nicht weh tun, wenn ich nicht glauben müsste, Gott werde dadurch beleidigt.°“ Unfassbar! Vianney übergeht seinen eigenen tiefen Schmerz und denkt an den Schmerz Gottes über eine Sünde seines Mitbruders. Der Antwortbrief Vianneys voller Demut öffnete den Weg zu einer tiefen Freundschaft mit Pfarrer Borjon.
Das ist Armut vor Gott, wie wir sie wahrscheinlich nie erreichen werden. Und doch macht uns sein Beispiel Mut, immer mehr bei allem, was uns betrifft von den eigenen Emotionen abzusehen und den Blick auf Gott zu lenken und erneut immer wieder und immer wieder alles von Ihm zu erwarten. Dazu braucht es ein ganzes Leben lang. Kämen wir damit einmal ans Ende, hätten wir die Armut vor Gott verlassen. Der Heilige Pfarrer wird uns mit seiner Fürsprache helfen, diesen Weg der Armut in der Nachfolge Jesu zu gehen.
5.01.2026 ih

° Aus: Francis Trochu, Der Pfarrer von Ars, 2001, S.242
ebenda S.242f