14. Sonntag im Jahreskreis 5.07.2026 Lesejahr A

„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ Mt 11, 25

„Er sagte, es sei eine seiner glücklichsten Zeiten gewesen, da er verfolgt wurde.“ °Catherine Lassagne über den Pfarrer von Ars

Klugheit ist eine der Kardinaltugenden. Das Buch der Weisheit ist in der Bibel von überragender Bedeutung. Und doch preist der Herr die Unmündigen, die nicht zu den Weisen und Klugen gehören. Sie sind es, die die Geheimnisse Gottes annehmen. Ihnen offenbart sich Gott durch den Sohn. Menschliche Klugheit und Weisheit gründen sich auf eigene Erkenntnis und sind für das alltägliche Leben von großer Bedeutung. Denn auch diese Gaben stammen von Gott. Eine Erkenntnis über das Wesen Gottes ermöglichen sie jedoch nicht. Gott muss sich selbst offenbaren. Ohne Einsicht der eigenen Unmündigkeit kann der Mensch die Offenbarung Gottes jedoch nicht annehmen und verrennt sich in vielen eigenen Ideologien.
Warum ist es eigentlich so schwer, sich von Gott beschenken zu lassen? Es ist sogar schwer, sich von einem anderen etwas schenken zu lassen. Denken wir nicht sofort nach, wie wir das durch ein Geschenk ausgleichen können?
Gott ist anders! Jesus verkündet: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11, 27). In Gott selbst wurzelt also Empfangen und Übergeben. Jesus kam, um uns in diese göttliche Wirklichkeit mit hineinzunehmen. Das Fließen der Gnade in den Drei göttlichen Personen strömt nach dem Plan Gottes auch in uns Menschen, trotz oder auch gerade wegen unserer geistlichen Armut.
Beim Pfarrer von Ars können wir dieses Geheimnis des Lebens in Gott lernen. Millon, einer seiner Mitstudenten, berichtet, dass er mit ihm im Großen Seminar zur Vorbereitung auf die Priesterweihe war. Er hatte das Glück, die Subdiakonatsweihe gemeinsam mit Vianney zu empfangen. Nach der Zeremonie fand immer eine Prozession von der Kirche von Lyon zum Großen Seminar statt. Millon, der neben ihm ging, war tief beeindruckt vom Eifer und der Frömmigkeit, mit der Vianney den Hymnus der Danksagung sang. Er bemerkte, dass sein Gesicht ganz strahlend war. Als man den Vers des Benediktus sang: „Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten“, schaute er Vianney an und dachte: „Er hat weniger Wissen als viele andere und er wird viel größere Dinge in seinem Dienst verrichten.“°²
Vianney war von Anfang an durchlässig für das göttliche Feuer, dass andere entzündete. Er zählte zu den Unmündigen, die alles von Gott empfangen haben. So konnte er auch Jesus verstehen, der alle Mühseligen eingeladen hat. Jesus hat nicht versprochen, das Joch wegzunehmen, aber Ruhe zu schenken, wenn wir es mit Ihm tragen. Der Weg mit dem Herrn geht niemals am Kreuz vorbei. In tiefer Verbundenheit mit Ihm konnte der Vianney feststellen, dass die Zeit seiner Verfolgungen einer seiner glücklichsten Zeiten war. Menschlich ist dies nicht zu verstehen. Dem Herrn nahe zu sein, schenkt auch im tiefsten Leid eine Ruhe, die nicht von dieser Welt ist.
Vielleicht haben auch wir das schon einmal erfahren. Wenn wir einander im Leid im Gebet begleiten, nimmt der Schmerz nicht ab. Ganz tief aber ist Ruhe in der Seele. Dies ist das Geschenk des Herrn mitten im Kreuz. Gehen wir mit dem Heiligen Pfarrer in eine immer tiefere Verbindung mit Jesus zum Vater im Heiligen Geist.
1.06.2026 ih

Aus: °Jean Marie Vianney Pfarrer von Ars, hrsg. Bernard Nodet, 1959, S, 226
°²Bernard Nodet, Le Curé d’Ars par ceux qui l’ont connu,1994, S.36