23.Sonntag im Jahreskreis 06.09.2026 Lesejahr A

„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ Mt 18,15

„Wenn wir uns ganz erkennen könnten, könnten wir nicht leben. Wir würden sterben vor Schrecken.“° Pfr. von Ars

Sind die Worte des Herrn im heutigen Evangelium nicht sehr ungewöhnlich? Sie klingen fast wie für eine gerichtliche Gesetzgebung. Bei aller Klarheit der Verkündigung des Herrn leuchtet doch immer auch Seine Barmherzigkeit auf. Nun soll jemand in Sünde für den Einzelnen, die Gemeinde wie ein Heide oder Zöllner sein - ausgeschlossen, für immer?
Matthäus selbst war Zöllner und nur bei ihm findet sich diese Aussage (Mt 18,17). Er hat erfahren, was ausgeschlossen und abgelehnt sein bedeutet und darunter gelitten. Unfassbar war seine Freude über die Berufung zur Nachfolge Jesu, sodass er sofort ein großes Gastmahl mit vielen Zöllnern und Sündern veranstaltet hat. Als erstes hat er erfahren, dass der Herr Barmherzigkeit will und gekommen ist, die Sünder zu rufen (Mt 9,9ff).
Dann soll auch sicher dieser schwierige Text die Barmherzigkeit Gottes erstrahlen lassen.
Gleich im Anschluss nach dem heutigen Evangelium fragt Petrus den Herrn, wie oft er seinem Bruder vergeben soll und glaubt, dass siebenmal schon viel ist. Aber der Herr möchte, dass er siebzigmal siebenmal vergibt (Mt 18,21f). Petrus wird später erfahren, wie bitter es ist, die Trennung vom Herrn durch die Sünde zu erleiden. Da gibt es nur noch Tränen.
Aber genau auf diese Weise wurde Petrus in die Demut und existenziell in die Nachfolge Jesu geführt. Jesus Christus selbst wurde für uns zum Fluch und hat uns freigekauft, damit wir durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen (Gal 3,13f). Er selbst hat am Kreuz die Gottverlassenheit erfahren. Diesen Schmerz können wir kaum erahnen, in großem Ekel vor der Sünde sich als Sünder vor Gott zu sehen, die Liebe Gottes zu erkennen, aber sich selbst durch eigene Schuld von Gott getrennt erfahren. Dieses Geheimnis werden wir nie ausloten können.
Auch der Heilige Pfarrer wollte sein Elend vor Gott erkennen, konnte dies aber nicht aushalten und bat um ein Ende dieser Erkenntnis. Auch er hat den tiefen Schmerz gespürt, durch scheinbar eigene Schuld für immer von Gott getrennt zu sein. Aber letztlich sind wir ohne Gottes Gnade zu jeder Schuld fähig.
So wie der Herr unsere Schuld durchlitten hat in der letzten Konsequenz der Trennung von Gott, müssten auch wir am Schmerz des anderen durch die Folgen der Sünde in der Entfernung von Gott teilnehmen. Und dann ist die Trennung vom Sünder nicht endgültig, sondern kann ihn zurück zu Gott führen. Und genau darum geht es bei diesem Prozess der Zurechtweisung und der Vergebung. Diese scheinbar strengen Regelungen dienen dem Heil des einzelnen und der ganzen Gemeinde, wenn sie sich darauf einlässt.
Wie schnell sind wir jedoch bereit zu richten, zu urteilen und uns zurückzuziehen. Genau damit entstehen Spaltungen, die die Kirche immer neu verwunden und damit die Botschaft Christi verdunkeln.
Vianney hat uns die Vergebung im Umgang mit seinem zwanzig Jahre jüngeren Hilfspriester Raymond vorgelebt. Er hatte ihm sogar das Pensionsgeld im Seminar bezahlt. Raymond war herrisch und ehrgeizig, stellte ihn in der Öffentlichkeit bloß und griff ihn sogar auf der Kanzel an. Und doch verteidigte ihn der Heilige Pfarrer ständig gegen alle Angriffe von außen und auch gegen die Versuche, ihn aus Ars zu entfernen. Offensichtlich war es auch für ihn einmal zu viel und er bat Bruder Athanasius, einen Brief an Bischof Devie zu schreiben. „Er diktierte mir sozusagen die Ausdrücke“, erzählte der treue Sekretär, „vor allem drang er darauf, dass ich das Recht Raymonds auf eine gute Stelle betonen müsse. Es war in der Karwoche. Ich reichte dem Diener Gottes den Briefentwurf … Er las ihn, besann sich einen Moment und zerriss ihn vier Teile. „Ich habe hier gedacht“, gestand er mir, „der Heiland habe sein Kreuz gerade während dieser heiligen Tage getragen. Ich kann es ihm wahrhaftig auch nachtun.“ °²
Das ist Nachfolge des Herrn, die wir an der Hand des Heiligen Pfarrers gehen dürfen.
28.07.2026 ih
Aus: Jean-Marie Vianney Pfarrer von Ars, hrsg. Bernard Nodet, 1959,S. 247
Francis Trochu, Der Pfarrer von Ars, 2001, S. 419f